Wüste Züge

In einem Wüstenstaat gibt es Wüste – und Strassen, Pisten und manchmal auch Züge. Mauretanien hat seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts eine ca. 700 km lange Bahnstrecke. Der Zweck des Streckenbaus waren die Erzbergwerke im Gebiet der Stadt Zouérat mit dem Hafen in Nouadhibou zu verbinden. Es verkehren derzeit drei Züge pro Tag in jede Richtung, um das Eisenerz in bis zu 2,5 km langen Zügen (ca. 200 Waggons und 3-4 Dieselloks) zum Hafen zu transportieren. Personen werden in einem sehr rudimentären Personenwagen transportiert oder man fährt kostenlos auf einem der Erzwaggons mit. Auch Autos werden nach Voranmeldung transportiert.

Wir hatten viel Widersprüchliches über den Zug, der Piste neben der Bahnstrecke und insbesondere die geografische Nähe zur Westsahara gehört. Einige meinten, es sei viel zu gefährlich, andere sind die Piste gefahren und fanden sie fahrtechnisch sehr anspruchsvoll (diese brauchten mehrere Tage, da sie sich mehrmals in den Tiefsandabschnitten festgefahren hatten und freischaufeln mussten), wieder andere sagten: „Wir sind eine grosse Gruppe und daher nicht Ziel von unguten Aktivitäten jeglicher Art“. Die Piste südlich der Bahnstrecke sollte sicher sein, nördlich sei sie noch grösstenteils vermint. Jedoch seien auch nördlich der Bahnstrecke Dörfer und Nomaden mit ihren Tieren unterwegs ….

Wir beschlossen, die Piste zu fahren. Ich wollte den Zug sehen, den Monolithen Ben Amira mit seiner Frau Aisha und nochmal ein bisschen Sand fahren. Insgesamt sind wir ca. 400 km südlich der Bahnstrecke entlang gefahren (Ausnahme war der Abstecher zu den Monolithen nördlich der Bahnlinie). Fährt man morgens zeitig los und gibt ordentlich Gas, dann kann man den Abschnitt in einem Tag machen. Dies ist jedoch nicht unser Reisestil. Wir verbrachten zwei wunderbare Tage bei der Bahnlinie. Wir starteten in Choum und sind bis Bu Anwar gefahren – dann die Teerstrasse bis Nouabhidou, um die Erzverladung „zu überprüfen“.

Die Strecke ist landschaftlich abwechslungsreich – wenn man Wüste mag. Anfangs gibt es viel Waschbrettpiste. Langsam wird die Anzahl der Spuren weniger und es lag an uns, darauf zu achten, die Gleise nicht vollständig aus den Augen zu verlieren. Sie sollten immer rechts von uns liegen. Wir beide machten die Erfahrung, dass in einem links gelenkten Auto, die Wahl eher auf die linke Spur fällt. Auch wenn die rechte Spur ggf. besser ist. Aber hierfür gibt es einen Navigator. Wir lernten den Sand in dieser Region zu lesen: Weisser Sand ist fest und gut zu fahren, gelblicher Sand ist weicher, Dünen mit roten Sand benötigen Speed, den Popometer und hohe Konzentration. Fast schon wie Rallye fahren. Spass pur.

Die erste Nacht verbrachten wir am kleineren Monolithen Aisha, nachdem wir Ben Amira schon weithin erkennen konnten. Wir überquerten die Bahngleise an einem kleinen Ort und folgten den Spuren nach Norden. Wir sind nicht die einzigen Touristen, die dort schon gefahren sind. Nur an diesem Spätnachmittag waren wir alleine. Fast alleine. Eine Ziegenherde mit Hirte war am Ben Amira unterwegs – und so fuhren wir nahe an den Monolithen heran. Keine Minen. Beeindruckt hat uns, dass der Monolith sich schon vor langer Zeit „gehäutet“ hat. Die obere Gesteinsschicht löste sich und fiel herab. Der Deckel war noch da, rissig. Sicherlich ist das keine akute Gefahr, aber von so einem riesigen Felsbrocken möchte ich doch nicht zermalmt werden.

Den Erzzug hatten wir noch nicht gesehen.

Endlich sahen wir auch das, was wir gehofft hatten zu sehen. Den Zug. Erst unscheinbar – denn hinten am Horizont fuhr ein Auto mit Licht. Irgendwann sahen wir: es war nur ein Licht, aber ein für mauretanische Verhältnisse sehr starkes Licht. Klaus meinte, es hört sich nach einem 6-Zylinder an. Und dann verstanden wir, dass uns drei Dieselloks entgegen kamen. Wir fuhren näher ran und standen auf dem Landy, um noch besser sehen zu können. Der Lärm wurde lauter und lauter. Die Schweizer Züge sind vergleichsweise leise. Erst zählten wir die Waggons, dann überschlugen wir die Zahl. Mindestens 200. Und dann das Bild des Zuges mit dem aufgewirbelten Dreck, je länger desto mehr Dreck. Irgendwann war er dann zu Ende. Erst schauten wir ihm noch nach. Dann hörten wir ihn nur noch.

In der nächsten Nacht kamen noch drei Züge – den ersten „sahen“ wir noch, die anderen beiden weckten uns auf. Ich lächelte, während ich im Bett lag und dem Zug lauschte. Ein besonderes Aufwachen, dass ich so wohl nicht mehr haben werde.

Neben dem Erzzug sind noch kurze Versorgungszüge und Arbeitszüge im Einsatz. Die Versorgungszüge bringen grosse Wassertanks in die Dörfer an der Bahnlinie. Diese Dörfer sind durch den Bau der Bahnstrecke entstanden und haben nicht ausreichend Trinkwasser. Auch Zouérat, die Erzminenstadt ist auf die Wasserversorgung durch den Erzzug angewiesen. Wir wollten Fotos von dem Arbeitszug machen, der auf der Strecke stand. Einer der Chefs kam und suchte Kontakt mit uns. Und lud uns gleich zum Tee ein. Klaus ging voraus, ich mit dem Landy hinterher, über die Bahngleise und vor dem Zelt geparkt. Als kleines Gastgeschenk haben wir Zigaretten dabei gehabt. Für uns als Nichtraucher gewöhnungsbedürftig, aber die Mauretanier hat es gefreut. Noch mehr Freude hatten sie, als sie erfuhren, dass auch ich bei einer Bahngesellschaft arbeite. Zum grossem Bedauern jedoch nicht als Lokführerin. Nach dem Tee ging es weiter, der Lokführer, hat auf sich aufmerksam gemacht und nochmals gewunken. Wir überquerten diesmal hinter dem Zug die Gleise.

Wir entschieden uns nochmals in der Wüste abseits der Zivilisation zu übernachten. Am nächsten Morgen ging es auf die Asphaltstrasse Richtung Nouabhidou. Ich hatte Lust auf einen Espresso, wir fuhren an den Strassenrand und luden noch einen belgischen Radfahrer dazu ein. Wir hörten schon wieder einen Zug. Aus Richtung Nouabhidou kam diesmal eine Wassertankzug. Der Lokführer hupte mehrmals und – winkte wie verrückt aus seinem Fenster. Es war unser Freund vom Vortag!

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